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Der Begriff Co-Abhängigkeit gewann seit Mitte der 80'ger Jahre zunehmend an Bedeutung. man stieß damals auf den Umstand, dass nicht einfach nur der Alkoholiker, auf den man sich bis dahin in der Suchtbehandlung vollkommen konzentriert hatte, krank war, sondern auch sein Partner bzw. seine Familie. So war denn die Rückfallquote derer, die nach der Therapie in ihre (noch kranke) Familie zurückkehrte immens hoch. Man entdeckte Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwisch dem Alkoholiker und seiner Co-Abhängigen Familie. Der Alkoholiker brauchte seine Co-Abhängige Familie um seine Sucht zu legitimieren. Die Familie brauchte den Alkoholiker aber ebenso um die Mechanismen ihrer Co-Abhängigkeit aufrecht zu erhalten und diese zu legitimieren. Anfangs wurde die Familie zusammen mit dem Alkoholiker therapiert, jedoch vollkommen im Hinblick auf den Alkoholiker.
D.h. die Familie wurde über die Folgen des Alkoholkonsums aufgeklärt und es wurden Verhaltensregeln im Umgang mit dem Alkoholiker angeboten. Allerdings, man sieht es schon, kreisten alle diese Bemühungen weiterhin ganz um den Alkoholiker und seine Sucht. Die Familie galt als Förderer dieser Sucht. So kam irgendwann die Vorstellung auf, die Familie sei Abhängig vom Alkoholiker. Es dauerte lange, bis die Co-Abhängigkeit als generelle Beziehungsstörung erkannt wurde die eine ganz eigene Krankheit mit einem ganz eigenen, charakteristischen Verlauf ist. Sie ist eine Suchtkrankheit.
Die Krankheit beginnt an dem Punkt, wo der Betroffene die Verantwortung für sein Leben nicht mehr in die eigenen Hände nimmt und dadurch in eine Position gerät, in welcher er nicht mehr im stande ist sein Leben eigenhändig zu meistern. Mit zunehmenden Fortschreiten dieser Krankheit kommt es zunehmend zum Verfall emotionaler, physicher, psychischer und geistiger Fähigkeiten. In ungünstigsten Fällen mündet diese Krankheit bei schwerer Ausprägung im Tod.
Co-Abhängigkeit ist eine eigene Form der Sucht. Eine Person ist dann süchtig, wenn sie ein zwanghaftes Bedürfnis nach etwas außerhalb seiner Selbst hat. Das können Substanzen sein aber eben auch Ereignisse oder Personen. Dieses zwanghafte Bedürfnis wird wichtiger als so zu leben, dass Körper und Seele gesund bleiben. Durch dieses zwanghafte Verhalten spaltet sich der Betroffene von seinen Gefühlen, seinen Gedanken, von seiner eigenen Wahrnehmung und von seinen wahren Bedürfnissen ab. Die Sucht des Co-Abhängigen besteht in einer zwanghaften Konzentration auf andere Menschen. Menschen die selbst in irgendeiner Weise zu Suchtverhalten neigen, begrüßen dann auch die Aufmerksamkeit und Aufopferung des Co-Abhängigen, während Menschen die kaum oder keine Suchtstruktur aufweisen, sich nicht selten durch den Co-Abhängigen bedrängt oder eingeengt fühlen.
Co-Abhängige haben so ihre ganz eigenen Symptome, die aus verschiedenen Antrieben heraus gedeihen. Viele werden das ein oder andere Symptom sicherlich bei sich wieder erkennen, vielleicht auch in etwas abgeschwächter Form. Stark Co-Abhängige werden, vielen der folgenden Muster folgen. An anderer Stelle möchte ich mich gerne noch mit unserer Gesellschaft an sich beschäftigen, wobei ich die These aufstellen werde, dass unsere Gesellschaft in ihren Wurzeln zu einer Suchtgesellschaft geworden ist und die offensichtliche Suchtproblematik die sich in der Anzahl der Formen und Individuen die in die Sucht verstrickt sind, nur ein äußeres Symptom der gesamten inneren Struktur sind. Ich würde sogar soweit gehen, dass unsere Gesellschaftssturktur darauf ausgelegt ist, Menschen in eine Abhängigkeit zu drängen. Das klingt politisch und gesellschaftskritisch und ja, genauso ist das auch gemeint. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch weiter auf die Co-Abhängigkeit selbst konzentrieren und zunächst einige Symptome aufzeigen.
(1.) Selbstblindheit
Ein Wesenszug des Co-Abhängigen ist sein degeneriertes Selbstwertgefühl. Aus sich selbst heraus hat er nur das Gefühl, dass er nichts Wert ist und das sein Leben keinen Sinn hat. Um sich zu Bestätigen sucht er daher unentwegt nach Anerkennung. Weil er sich selbst nicht annehmen kann ist er darauf angewiesen, das andere ihn annehmen. Aber auch dies ist für ihn eine Falle, denn er kann sich nicht vorstellen, das er einfach um seiner Selbst willen anerkannt und angenommen wird. Auf diese Weise ist der Co-Abhängige in seiner ganzen Existenz fremdbestimmt und abhängig von Urteil anderer. Aus diesem Grund, wird er an jeder Beziehung, und wenn sie noch so destruktiv sein mag, festhalten, da sie die einzige Möglichkeit ist seine Existenz zu legitimieren. Ohne eine Beziehung fühlt sich der Co-Abhängige als Nichts. Nicht selten verlangt der Partner diese Form der Selbstaufgabe gar nicht, aber der Co-Abhängige ist wie jeder Süchtige in seiner Sucht gefangen und kann gar nicht anders. Eine Beziehung/Freundschaft zu anderen Menschen zu haben, bedeutet für ihn immer sich selbst völlig aufzugeben. Sind beide Partner Co-Abhängig führt dies zu einer Klammerbeziehung, in der beide Partner nicht mehr ohne einander leben können. In einer so auf Sicherheit ausgelegten Beziehung ist Wachstum nicht mehr möglich.
Eine andere Konsequenz der Selbstaufgabe ist der Mangel der Fähigkeit sich von anderen abzugrenzen (siehe auch Thema Resilienz, Abschnitt Beziehungsfähigkeit). Der Co-Abhängige übernimmt die Gefühle und Gedankgen seines Partners, was nicht selten dazu führt, dass er sich verwirrt fühlt. Diese Verwirrung kommt dadurch zustande, dass die Übernahme der Gefühle und Gedanken anderer, die eigenen, vielleicht auch verborgenen Gefühle überlagert. Sind die Gefühle und Gedanken die von außen kommen von denen im Inneren sehr verschieden führt dieses nebeneinander stehen der beiden zur Verwirrung. Man muss hier von der Fähkeit der Empathie abgrenzen. Der Co-Abhängige ist sich gar nicht darüber im klaren, dass er die Gedanken und Gefühle des anderen übernommen hat, sondern sie erscheinen ihm wie seine eigenen. Der Empathiker hingegen kann die Gefühle und Gedanken anderer aufnehmen und es ihm bewußt, dass diese von außen kommen, d.h. er kann sie klar von den seinen abgrenzen. In dem Augenblick wo der Co-Abhängige die Gefühle und Gedanken des anderen übernimmt überträgt er die gesamte Macht über sein Leben auf die Menschen um sich herum und liefert sich ihnen bereitwillig aus. Um so mehr die Co-Abhängigkeit voranschreitet um so mehr verwischen die Grenzen zwischen dem eigenen Selbst und dem Außen.
Durch die Strategie alle Bestätigung für das Selbst von Außen zu beziehen, kommt es vor, dass Co-Abhängige nicht selten darauf aus sind Eindruck zu schinden, und zu versuchen, andere über das eigene Selbst zu täuschen, in der Annahme dadurch Lob und anerkennung zu erhalten. Da der Co-Abhängige sich selbst, wie zu Anfang schon gesagt, für nichts Wert hält, wird er es vermeiden er selbst zu sein. Stattdessen wird er versuchen so zu sein, wie andere ihn haben wollen (wie er glaubt, dass sie ihn haben wollen). Alles dreht sich nur um die Frage: "Was denken die anderen von mir?" Das hat verschiedene Ausprägungen: anderen nach dem Mund reden ohne eigene Argumente oder Ideen zu verwenden, immer dann zu lachen, wenn andere es tun, sich ständig für alles entschuldigen, unterschiedlich über Personen reden wenn sie anwesend sind und wenn sie nicht anwesend sind usw. Ziel all diese Manöver ist, um jeden Preis zu gefallen. Das ist nicht nur unrealistisch sonder schier unmöglich. Daher ist der Co-Abhängige von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Um diese Handlungsweise trotzdem aufrecht erhalten zu können, greift er dann zur nächsten Strategie:


